The Artist
Orientierung an neuen Techniken
Wie gut wir mit Veränderung und damit einhergehend dem Erlernen neuer Verhaltensmuster umgehen können, wird zu einer der Kernkompetenzen für ein erfülltes (Arbeits-)Leben. Allein unser Gehirn bzw. the way it works steht uns dabei mehr oder weniger im Weg.
Kognitive Regression beschreibt das Phänomen, dass je mehr Druck auf Menschen ausgeübt wird, umso mehr fallen sie auf klassische, erlernte Verhaltensmuster zurück.
Dort wo also Unsicherheit und Komplexität in der Unternehmens-Steuerung zunehmen, greifen bspw. Führungskräfte zu bewährten Methodiken, anstatt Neues zu erlernen, es auszuprobieren und anzuwenden.
Das gilt umgekehrt auch für die Rolle der/des Berater*in. Auch sie sind nicht davor geschützt, zu gerne und oft auf Erprobtes und Bewährtes zurückzugreifen. Das klappt auch gut, und dennoch fragt man sich – wie lange eigentlich noch. Die Zeichen der Zeit stehen auf Transformation und das darf sich auch in den eigenen Herangehensweisen widerspiegeln.
Stellt euch dazu vor, ihr steht vor einer leeren Leinwand, habt Pinsel und Farbe und die Aufgabe ist es, diese Leinwand auszumalen. Wie geht ihr vor?
Eine Variante ist zu sagen, das lass ich aus, denn ich kann ja nicht malen. Ich überlasse das anderen, die das besser können. Eine andere ist es, die Farbe mit dem Pinsel anzurühren und damit direkt auf die Leinwand zu arbeiten. Ausfüllen, fertig machen, hinstellen. Es war schließlich kein exaktes Motiv vorgegeben. Und dafür das viele von uns nicht jeden Tag malen, ist das Ergebnis auch gar nicht so schlecht. Mut kann man sich schließlich nicht kaufen.
Eine weitere Variante ist, ganz bewusst die eigene Komfortzone (noch weiter) zu verlassen und neues Terrain erkunden. Uns dabei von Neugierde leiten zu lassen und weitere (neue) Fragen stellen:
Arbeit auf der Staffelei? Vielleicht aber auch am Boden?
Die Leinwand so lassen oder doch grundieren? Welchen Unterschied könnte das machen, die Originalstruktur bewusst mitzunehmen?
Warum eigentlich nur ein Pinsel, warum nicht vielleicht auch noch andere Hilfsmittel?
Gibt es eigentlich dazu Beispiele, an welchen ich mich orientieren kann?
Auftritt Helen Frankenthaler.
Meine erste Begegnung mit der US-Amerikanerin hatte ich vor wenigen Jahren in der Kunsthalle Krems und war angesichts ihres Schaffens schlicht aus dem Häuschen. Nun widmet ihr das Kunstmuseum Basel eine umfassende Werkschau. Ein guter Anlass in jeder Hinsicht heiße Sommertage in der Schweiz zu verbringen.
Frankenthaler ist vor allem für die von ihr entwickelte Soak and Stain Technik berühmt, mit der sie maßgeblich den abstrakten Expressionismus revolutionierte. Die Neudefinition malerischer Möglichkeiten war ihr lebenslanger Schwerpunkt, die dabei von ihr entwickelte Farbtechnik allerdings nur eine Facette ihrer Kunst.
Schon zuvor experimentierte sie bspw. mit Öl, Emaille und Kaffeesatz als Farbunterlage, sie wechselt später von Öl- zu Acrylfarbe und sie spielt mit Formaten. Ihre Großformate – ein Novum für eine Künstlerin der damaligen Zeit – werden ihr Markenzeichen. Sie begeistert sich an Jackson Pollocks Farbauftrag, der ohne mit dem Pinsel die Leinwand zu berühren, seine berühmten Farbexplosionen hervorruft. Wie er arbeitet auch Helen mit der am Boden liegenden Leinwand, sie verlässt die Staffelei und arbeitet mit dem ganzen Körper. Sie erzeugt damit eine völlig neue Raumwirkung, die bis heute sichtbar ist: In insgesamt neun Räumen auf einer Gesamtfläche von 1000 Quadratmeter sind in Basel sechs Jahrzehnte ihres Schaffens ausgestellt!
Die Künstlerin beweist dabei Mut und Neugierde, sie verlässt bekannte Pfade, improvisiert und paraphrasiert berühmte Werke aus der Vergangenheit mit ihrer ganz eigenen Interpretation. Nichts ist in Serie, alles entspringt einem frischen Konzept. Die einzige Konstante bildet die Bedeutung von Farbe.
Helen Frankenthaler ist damit weder Nachahmerin noch Nachfolgerin, sondern sie versteht sich als Herausforderin. „The only rule is that there are no rules. Anything is possible … It’s all about risks. Deliberate risks.“
Adieu erlernte Verhaltensmuster!
Die Welt verändert sich schneller als die meisten Organigramme. Technologie verändert, wie wir arbeiten. Hybride Teams stellen bewährte Führungsmodelle in Frage. Karrieren verlaufen nicht mehr linear – und Menschen arbeiten länger, vielfältiger, selbstbestimmter als je zuvor.
Es geht mir nicht um das Brechen von Traditionen um des Brechens willen. Aber ich stelle gerne neue, mitunter auch unbequeme Fragen, öffne damit Türen, die bisher verschlossen wirkten – und schaffe (im Idealfall) ein Klima, in dem Neugierde und Mut keine Schwäche sind, sondern vielmehr wichtige Führungskompetenzen.
So klappt’s auch mit neuen, noch leeren Leinwänden!
postscriptum:
Das Kunstmuseum Basel nützt die aktuelle Schau auch um die eigene Positionierung, das eigene Narrativ weiterzuentwickeln: Der Sammlungsaufbau nicht als eine Anhäufung von Meisterwerken, sondern als eine fortwährende Auseinandersetzung mit Themen!
Bettina Pepek für kommunikationsraum GmbH | August 2026
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