Alte Meister.
“Stell Dir vor, du lebst in einem großen wunderschönen Haus, aber du bewohnst aus Gewohnheit nur das Erdgeschoss. Dabei gibt es oben eine tolle Dachterrasse, einen weiten Blick, Räume voller Möglichkeiten. Du müsstest nur einmal die Treppe nehmen. Dieses Zitat von Robert Keagan (Immunity to Change) ist meine “Karotte” wenn es ums Lernen geht.
Meine “September-Treppe” war die Biennale in Venedig. Gardini und Arsenale als Orte der Verdichtung, Interpretationen und (neuen) Begegnungen. Drei intensive Lern- und Inspirationstage, die mich weit weg vom Schreibtisch und nah an bzw. in neue (Kommunikations-)Räume geholt haben.
Lernen und Entwickeln in Organisationen
Warum macht eine Kommunikationsexpertin eine Learning Journey zur Biennale?
Statt bestehendes Können und Wissen nur weiter zu vertiefen, geht es angesichts von zunehmender Komplexität und hoher Dynamik darum unser T-Profil zu entwickeln: tiefe Expertise in einem Bereich (der Längsbalken des T), aber gleichzeitig eine breite Basis an übergreifenden Kompetenzen (der Querbalken) – wie bspw. in angrenzenden Disziplinen, in digitaler Zusammenarbeit, in agilen Methoden. Diese Querschnittskompetenzen sind entscheidend, um in interdisziplinärer Teams wirksam zu sein! (1)
In anderen Worten: Es geht (auch) darum, breites, vernetztes Wissen aufzubauen, um damit zur Zukunftsfähigkeit von Organisationen beizutragen.
Schon Robert Rauschenberg – der bereits 1964 auf der Biennale ausstellte (und aktuell übrigens in einer sehr sehenswerten Retrospektive in der Kunsthalle Krems zu sehen ist) kam zu dem Schluss, dass “der über Kunst hergestellte Kontakt (…) zu nützlichem kreativen Verständnis für alle führt.”
Lernen ist für mich auch immer eine Reise mit offenen Ausgang. Ganz oft entstehen auf meinen Lernreisen die eigentlichen Aha-Erlebnisse völlig unerwartet. Daher ist es im Rahmen von Veränderungsprozessen in Unternehmen besonders wichtig auch eine begleitende Lernarchitektur mitzugestalten. Oder eben genügend (Reise-)Raum für Serendipity zu lassen. In meinem Fall gab’s diese Aha-Momente abseits der eigentlichen Biennale-Orte. Venedig selbst bildet eine mehr als eindrucksvolle Kulisse, um sich von Neugierde und Freude am Schönen leiten zu lassen.
Gerald Hüther (Was wir sind und was wir sein könnten) nennt zwei menschliche Grundbedürfnisse: Zugehörigkeit und Entfaltung. Letztere übersetze ich im organisationalen Kontext gerne mit dem Begriff der Agency (i.S. individuellen Handlungsspielraums), der idealerweise durch Lernräume in Unternehmen entwickelt und gefördert wird.
In einer Zeit, in der sich aktuell ganze Business-Modelle ändern (werden müssen) ist Lernen der Schlüssel zu erfolgreicher Transformation. Systemisch in die Unternehmens- und Geschäftsausrichtung integriert (statt zentral angebotsorientierter klassischer Personalentwicklung) wird Lernkultur zum strategischen Element organisationaler Weiterentwicklung.
Dazu muss man nicht zwingend zur Biennale fahren. Schaden tut es keinesfalls!
Bettina Pepek für kommunikationsraum GmbH | September 2026
(1) Sebastian Harrer, David Bausch in „Das Ende der Arbeitswelt wie wir sie kannten“, Haufe 2026