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Nehmt das Schild aus dem Fenster!

„Weiter so!“ – Nach dem Weltwirtschaftsforum Davos 2026 – endgültig keine Option mehr für Europa. Die Kurzfristorientierung politischen Gestaltens ist (schon lange) unzureichend, statt reiner Symptom-Behandlung und medienwirksamen Scheinlösungen braucht es eine Politik der großen Linien. Der kanadische Premierminister, Mark Carney, hat dazu eine eindrucksvolle Demonstration im Rahmen seiner Davos-Rede geliefert. Seine Ausführungen bieten nicht nur geopolitische Einsichten, sondern auch wertvolle Lektionen für Führungskräfte in der Wirtschaft!

Als konzeptioneller Rahmen diente Carney dabei Vaclav Havels Essay „Die Macht der Ohnmächtigen“ von 1977. Der tschechische Dissident beschrieb, wie das kommunistische System sich nicht primär durch Gewalt, sondern durch die Teilnahme gewöhnlicher Menschen an Ritualen erhielt, von denen jeder wusste, dass sie falsch waren. Der Gemüsehändler, der das Schild „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ ins Fenster stellt, obwohl er nicht daran glaubt und dessen Handlung das System stabilisiert, weil alle anderen dasselbe tun.

Die Macht der Ehrlichkeit: Realität benennen!

Carneys Aufruf ist radikal: Es ist Zeit für Unternehmen und Länder, ihre Schilder abzunehmen und bestehenden Narrativen Neue entgegenzusetzen!

Die Lektion für Führungskräfte: Visionäres Gestalten beginnt damit unbequeme Wahrheiten auszusprechen. In Organisationen bedeutet dies veraltete Narrative loszulassen und anzuerkennen, dass sich Rahmenbedingungen fundamental verändert haben. Neue Narrative entstehen nicht durch Schönfärberei – auch wenn es bedeutet weit aus unserer Komfortzone zu gehen. Transformation erfordert, dass wir aufhören, Rituale aufrechtzuerhalten, an die niemand mehr glaubt. Erst wenn wir ehrlich benennen, was nicht mehr funktioniert, können wir glaubwürdig artikulieren, was stattdessen entstehen soll.

Zwischen Festung und Unterwerfung: Der dritte Weg!

Carney zeichnet ein klares Bild der beiden naheliegenden, aber unzureichenden Reaktionen auf große Machtverschiebungen: Entweder ziehen sich Akteure in Festungen zurück; sie bauen strategische Autonomie auf, schotten sich ab, werden autark in Energie, Ernährung, kritischen Mineralien. Oder sie geben sich der bilateralen Verhandlung mit Hegemonen hin, akzeptieren was angeboten wird und konkurrieren darum, am entgegenkommendsten zu sein.

Beide Wege, so seine These, führen in eine Sackgasse. Komplette Autarkie ist teuer, macht die Welt ärmer und fragiler. Bilaterale Unterordnung hingegen ist kein Ausdruck von Souveränität, sondern der Beginn der Akzeptanz von Subordination. Stattdessen propagiert Carney einen dritten Weg: Mittlere Mächte sollten sich zusammenschließen, um themenspezifische Koalitionen zu bilden.

Die Lektion für Führungskräfte: Zwischen totaler Kontrolle und vollständiger Anpassung gibt es kreative Alternativen. Visionäres Gestalten bedeutet, strategische Partnerschaften einzugehen, die auf gemeinsamen Werten basieren. Es bedeutet, flexibel zu bleiben: Nicht jede Allianz muss dauerhaft sein, aber jede sollte authentisch auf geteilten Prinzipien gründen.

Zwischen Festung und Unterwerfung: Der dritte Weg!

Carney beschreibt Kanadas neuen Kurs als prinzipiell und pragmatisch; ein Ansatz, den der finnische Präsident Alexander Stubb; wertebasierten Realismus nennt. Dies bedeutet:

Prinzipiell im Festhalten an fundamentalen Werten: Souveränität und territoriale Integrität, das Verbot von Gewaltanwendung außer im Einklang mit der UN-Charta, Respekt für Menschenrechte.

Pragmatisch in der Anerkennung, dass Fortschritt oft inkrementell ist, dass Interessen divergieren, dass nicht jeder Partner alle Werte teilt. Es geht darum, die Welt so anzunehmen, wie sie ist nicht darauf zu warten, dass sie wird, wie man sie sich wünscht.

Die Lektion für Führungskräfte: Werte sind kein Luxus für gute Zeiten, sondern der Kompass in Zeiten der Unsicherheit. Gleichzeitig muss Führung pragmatisch genug sein, um mit imperfekten Partnern zu arbeiten und schrittweise Fortschritte zu erzielen. Der Schlüssel liegt darin, Beziehungen so zu kalibrieren, dass Veränderung möglich wird, anstelle von Handlungsunfähigkeit!

Visionäres Gestalten in der Praxis: Was Führungskräfte tun können

Carneys Rede bietet einen Fahrplan, der weit über Geopolitik hinausgeht. Für Führungskräfte in Unternehmen, NGOs oder öffentlichen Institutionen lassen sich folgende Prinzipien ableiten:

1. Beginnen Sie mit Ehrlichkeit!

Nostalgie ist keine Strategie. Identifizieren Sie die schönen Lügen in Ihrer Organisation, jene Narrative, die einmal nützlich waren, aber deren Zeit abgelaufen ist. Haben Sie den Mut, diese laut zu benennen. Radikale Ehrlichkeit ist nicht Pessimismus, sondern die Voraussetzung für glaubwürdige Veränderung.

2. Lernen Sie Ambidextrie!

Vermeiden Sie „Entweder – Oder“:. Zwischen totaler Kontrolle und vollständiger Anpassung, zwischen Festung und Kapitulation gibt es kreative Lösungsräume. Suchen Sie diese bewusst auf. Bilden Sie strategische Allianzen, auch temporäre, themenspezifisch, die auf gemeinsamen Prinzipien basieren. Gehen Sie ins “Sowohl-als auch” der Exploration und Exploitation!

3. Seien Sie pragmatisch!

Klären Sie, welche Werte nicht verhandelbar sind, und stehen Sie dazu. Gleichzeitig bleiben Sie flexibel, statt ideologisch. Perfekte Partner gibt es selten; wichtiger ist, dass die Richtung stimmt und schrittweise Fortschritte erzielt werden.

4. Machen Sie sich den Wert Ihrer Stärken bewusst!

Externe Vision ist nur glaubwürdig, wenn sie auf interner Substanz beruht. Bauen Sie die Fähigkeiten, Ressourcen und Kultur auf, die Sie brauchen, um unabhängig und resilient zu sein. Diversifizieren Sie Abhängigkeiten, sodass keine einzelne Beziehung Sie erpressbar macht.

5. Walk the talk!

Warten Sie nicht darauf, dass externe Bedingungen sich ändern. Bauen Sie die Strukturen, Prozesse und Kulturen auf, die Ihren Werten entsprechen, auch im Kleinen, auch im Imperfekten. Jeder Schritt in diese Richtung stärkt die Glaubwürdigkeit des neuen Narrativs.

In diesem Sinne ist visionäres Gestalten keine abstrakte Übung, sondern ein konkreter Akt des Mutes: Das Schild aus dem Fenster zu nehmen. Die großen Linien zu ziehen. Und ehrlich zu sein über das, was war, was ist, und was sein könnte.

Seit mehr als einem Jahr bin ich stolze Botschafterin für das Ministerium für Neugier und Zukunftslust – das Bild hier zeigt mich gemeinsam mit den Nobue von Wurzbach und Katharina Ehrenmüller im Rahmen unserer Inauguration- und als solche überzeugt davon, dass Zukunft nicht einfach passiert, sondern sie ist gestaltbar – durch jeden und jede von uns. Es ist eine bewusste Entscheidung für individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit sowie für die Entwicklung gemeinsamer Geschichten und Bilder davon, was möglich ist.

Bettina Pepek für kommunikationsraum GmbH | Jänner 2026

Dieser Artikel basiert auf der Rede von Mark Carney, Premierminister von Kanada, beim Weltwirtschaftsforum in Davos am 20. Januar 2026.

Titel: Principled and Pragmatic: Canada

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